Sprüche über Phantasie
170 Sprüche — Seite 9
Wo Wirklichkeit nicht genügt, eröffnet die Phantasie neue Räume. Sie verbindet Erinnerung, Möglichkeit und inneres Spiel und macht sichtbar, dass der Mensch nicht nur in dem lebt, was ist, sondern ebenso in dem, was er sich vorstellen kann. Darum gehört dieses Thema zu den schöpferischen Kräften des Geistes.
Ihr Wert liegt nicht im bloßen Entfliehen, sondern in der Fähigkeit, Neues zu entwerfen und Verborgenes sichtbar zu machen. Phantasie belebt Denken, Kunst und Alltag und schenkt selbst nüchternen Stunden eine unerwartete Weite.
Was heißt Schaffen in der Poesie? Wenn dichterische Begeisterung die Seele mit der Fruchtbarkeit der Phantasie überschüttet.
— Heinrich Martin
Warum stehen Phantasie und Verstand so oft im Widerspruch? Weil dieser mit kalter Sonde zergliedern will, was jene aus Duft und Luft und aus den leisesten Regung des Herzens gewebet und aufgebaut hat …
— Heinrich Martin
Phantasie ist die Fackel, welche uns voran leuchtet und das Dunkel erhellt, wenn wir auf der Leiter des Verstandes emporsteigen wollen zur Erkenntnis des Schöpfers.
— Heinrich Martin
Streiche die Phantasie fort und die meisten Genüsse unsres Daseins sind nicht des Erwähnens wert.
— Heinrich Martin
Der von Einbildungskraft entblösste Verstand möchte selbst die Natur abschätzig behandeln, wenn sie nur nicht stärker wäre als er.
— Germaine Madame de Stael
Begeisterung ist jene Laune des Geistes, bei der die Vorstellungskraft den besseren Teil des Urteils ausmacht.
— William Warburton
Wir können der Wirklichkeit nicht habhaft werden. Sie muss gestutzt, gekürzt, geknetet, ja, sie muss umgeglüht werden, und der Ofen, in dem die Umglühung vorgenommen wird, ist die Phantasie.
— Jakob Wassermann
Es bedarf nur eines leisen Glockenschlags der Phantasie, eines Stichworts von drüben, wo die Träume sind, dass ich bin, wo ich nie gewesen, ich Wege gehe, die ich nie gekannt.
— Jakob Wassermann
Die Formen der Natur sind nur ein Wörterbuch, in dem der Künstler nachschlägt, um seine eigenen Vorstellungen zu verstärken.
— Ferdinand Victor Eugene Delacroix
Wie eine mächtige Zauberin nimmt dich die Malerei auf ihre Flügel und trägt dich davon.
— Ferdinand Victor Eugene Delacroix