770 Sprüche — Seite 11
In der Natur begegnet dem Menschen eine Ordnung, die älter ist als jedes Denken und größer als jedes eigene Vorhaben. Berge, Wälder, Wasser und Himmel erinnern daran, dass Schönheit und Gesetz, Werden und Vergehen untrennbar zusammengehören. Deshalb berührt dieses Thema nicht nur die Sinne, sondern auch das Bewusstsein für Maß und Herkunft.
Ihre eigentliche Größe zeigt sich darin, dass sie sich nicht beherrschen lässt, sondern Achtung verlangt. Die Sprüche zu diesem Thema machen sichtbar, wie eng Mensch und Natur verbunden bleiben und warum in ihrer Betrachtung oft Demut, Trost und eine Ahnung vom Ganzen zugleich aufscheinen.
Auch das beste Pferd kann nicht zwei Sättel tragen
Ist St. Moritz hell und klar, stürmt der Winter, das ist klar. (22. Sept.)
Wenn nur der Kutscher klar sieht, dann wird auch mit blinden Pferden das Ziel erreicht
— Johann Nepomuk Nestroy
Was auch das Meer verschlang, die Zeit verschlang das Weh, ewig bleibt die See.
— Gorch Fock
Der Kosmas und der Damian, die zünden alle Lichter an. (26. Sept.)
Es gibt keine noch so schöne Rose, die nicht zur Hagebutte wird.
Flüsse und Berge altern nicht.
Sein Name lautet nicht länger 'wilder Hund', sondern 'bester Freund'
— Rudyard Kipling
Der Gang der Jahreszeiten ist ein Uhrwerk, wo ein Kuckuck ruft, wenn es Frühling wird.
— Georg Christoph Lichtenberg
Raucht die Kuh wie ein Kamin, ist Kurzschluss in der Melkmaschin!
Willst den Nachbarn glücklich seh'n, darfst nicht in die Sonn' ihm steh'n.
Dem Landmann tut's das Herz zerreissen, sieht er das Huhn aufs Sofa scheißen
Fällt der Bauer von der Leiter, find' der Ochs dies äußerst heiter!
Der Berg lacht nicht über den Fluß, weil er tief unten ist - und der Fluß schmäht den Berg nicht, weil er unbeweglich ist
Auch wenn die Sonne hinter dunklen Wolken verborgen ist, wärmt sie uns.
Nicht durch die Kraft höhlet der Tropfen den Stein, sondern durch häufiges Fallen.
— Ovid
Wer im Juni einen hebt, hat den Maibock überlebt
Mit Blitzen kann man die Welt erleuchten, aber keinen Ofen heizen.
— Christian Friedrich Hebbel
Der Trieb zum Guten ist dem Menschen eingepflanzt von Natur wie dem Wasser der Trieb, bergab zu fließen.
Natur wiederholt ewig in weiterer Ausdehnung denselben Gedanken. Darum ist der Tropfen ein Bild des Meeres.
— Christian Friedrich Hebbel